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Liebe statt Bomben. Ernst Jüngers "Burgunderszene" muß neu gelesen werden
Es hat Ernst Jünger wenig genutzt. Daß der Stahlgewitterer, der in der Zeit der Weimarer Republik auch nationalistische Texte verfaßte, sich just vom Jahr 1933 an vom Nationalismus abwandte, mithin auch der NS-Ideologie fernstand, in den "Marmorklippen" auf traumvisionäre Art das Hitler-Regime fundamental kritisierte und in seinen Pariser Tagebüchern sich für die Behandlung der Juden durch die Deutschen abgrundtief schämte, galt seinen Feinden wenig. Denn wenn ihnen auch sonst nichts mehr gegen Jünger einfiel, dann hatten sie doch zu ihrem Glück ein Tagebuchnotat im Arsenal, das den ästhetizistischen Kriegsverherrlicher, den "eiskalten Genüßling des Barbarismus" (Thomas Mann) aufs vortrefflichste vorführte: "Paris, 27. Mai 1944. Alarme, Überfliegungen. Vom hohen Dache des Raphael sah ich zwei Mal in der Richtung von St. Germain gewaltige Sprengwolken aufsteigen, während Geschwader in großer Höhe davonflogen ... Beim zweiten Male, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Blütenkelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird."
Der junge Philologe Tobias Wimbauer, der schon vor einigen Jahren ein "Personenregister der Tagebücher Ernst Jüngers" vorlegte, gilt als der Detektiv des Lebens Ernst Jüngers. Seinen Forschungen ist es nun zu verdanken, daß eine vollständig neue Interpretation dieser sogenannten "Burgunderszene" möglich wird. Sie könnte Anhänger wie Feinde Jüngers verwirren.
Für einen Aufsatz, der in der Reihe "Das Luminar - Schriften zu Ernst und Friedrich Georg Jünger" erscheinen wird, aber dieser Zeitung schon jetzt vorliegt, hat Wimbauer alle ihm zugänglichen Akten zur Pariser Zeit Jüngers durchstöbert, so auch das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht: Nirgendwo fand er einen Hinweis darauf, daß Paris beim Sonnenuntergang des 27. Mai 1944 von alliierten Fliegern attackiert wurde. Bezeugt ist nur ein Angriff am Mittag dieses Tages: "Ein weiterer Angriff auf Paris am selben Tage ,bei Sonnenuntergang' ließ sich bislang nicht ermitteln. - Zumindest wird, außer von Jünger selbst, kein solcher in der einschlägigen Literatur erwähnt." Kurz: Wimbauer bringt starke Indizien dafür, daß der von Jünger geschilderte Bombenangriff auf das besetzte Paris schlichtweg nicht stattfand.
Zu Recht verweist Wimbauer darauf, daß schon Martin Meyer in seiner Ernst-Jünger-Monographie von 1990 den empirischen Wahrheitsgehalt der "Burgunderszene" bezweifelt. Wenn es aber keinen Fliegerangriff beim Sonnenuntergang des 27. Mai 1944 gab, kann von irgendeinem Entzücken Jüngers über die Bombardierung des von ihm geliebten Paris nicht die Rede sein. Wimbauer untersucht daher eingehend die erotischen, religiösen, biographischen und literarischen Bezüge der Jüngerschen Tagebucheintragung. Paris war für ihn eine Frau und die Frau, die er dort tatsächlich liebte, eine deutschstämmige Kinderärztin: Sophie Ravoux, geborene Koch (1906 bis 2001). Sie verbirgt sich, nach Wimbauers Recherchen, in Jüngers Tagebüchern hinter den Decknamen "Doctoresse", "Camilla", "Charmille", "Mme. d'Armenoville" und "Mme. Dancart". Im Mai des Jahres 1944 flammte die Liebe zwischen beiden wieder auf, Gretha Jünger, des Schriftstellers erste Ehefrau, war schon zur Scheidung bereit.
Wimbauer kritisiert, daß in der bisherigen Interpretation die "Literarizität" der Jüngerschen Tagebücher kaum berücksichtigt worden sei. Völlig unvermittelt streute der Autor immer wieder nächtliche Träume in seine Tagebücher ein - daß er auch Tagträume ohne Vorwarnung in seine Notate einwob, ist also wahrscheinlich. Jünger unterschied zwischen Traum und sogenannter Wirklichkeit kaum, anders formuliert: Der Traum, auch der Tagtraum, war für Ernst Jünger ebenso wahr wie die empirische Wirklichkeit, was keineswegs ausschließt, daß die Tagebücher Jüngers auch historische Dokumente sind, wenn sie mit gehöriger Vorsicht zur Kenntnis genommen werden. Dies lehrt schon der Vergleich mit den Tagebüchern Thomas Manns, die für diesen nicht Literatur im engeren Sinn waren. Der Unterschied zwischen Thomas Manns diaristischer und empirisch zweifellos zutreffender Mitteilung, daß er in einer Münchener Konditorei eine "Schaumrolle" erstanden habe, und der "Burgunderszene" im Tagebuch Ernst Jüngers ist in jeder Weise erheblich. Auf der anderen Seite fällt auf, daß wichtige Fakten in Jüngers Leben zuweilen nur knapp oder gar nicht Eingang in seine Tagebücher finden.
Für Kelch und Wein findet Wimbauer zahlreiche literarische Vorbilder sowohl erotischer wie neutestamentarischer Art, und die Erdbeere war nicht nur ein "Zeichen der Liebe Gottes", sondern diente beispielsweise François Villon - "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!" -, einem Gedicht Gottfried August Bürgers wie auch Thomas Manns "Der Tod in Venedig" eindeutig als sexuelles Symbol. Und was die "tödliche Befruchtung" anbetrifft, so verweist Wimbauer auf den Käfer "Anthonomus rubi", der dem Käferforscher Jünger seit seiner Jugend bekannt war: Dieser veranstaltet tatsächlich eine "tödliche Befruchtung". Deren Weibchen stechen die Knospen an, "um in das Loch ein Ei zu legen", wie der "Brockhaus" vom Jahre 1953 berichtet: "Die fußlose Larve benagt die Blütenblätter und bringt sie zum Absterben. Die Knospe kann sich daher nicht öffnen und wird braun, wie verbrannt ..., das Weibchen beißt den Blütenstiel an, so daß die Knospe welkt und abknickt."
Diese biographischen, literarischen, religiösen und biologischen Bezüge sowie den wahrscheinlichen Tatbestand, daß es am Abend des 27. Mai 1944 gar keinen Fliegerangriff auf Paris gab, muß zur Kenntnis nehmen, wer Ernst Jünger immer noch als "eiskalten Genüßling des Barbarismus" zu apostrophieren trachtet. Und wer die von Wimbauer reflektierte Opfer-Wein-Kelch-Mystik der "Burgunderszene" näher betrachtet, wird sich vielleicht etwas weniger wundern, daß Ernst Jünger mehr als ein halbes Jahrhundert später zum Katholizismus übertrat.
Einige Fragen bleiben allerdings: Stand Jünger jemals bei Sonnenuntergang burgundertrinkend auf dem Dach des Hotels "Raphael"? Und warum ließ er es zu, daß in seinen "Strahlungen - Das zweite Pariser Tagebuch" bis 1980 in der französischen Übersetzung diese Eintragung vom 27. Mai 1944 fehlte? Plagte den Anwalt deutsch-französischer Freundschaft die Vorstellung, man könne in Frankreich glauben, er habe dandyhaft Luftangriffe auf Paris begrüßt? Oder wollte er seine erotischen Aufwallungen in Paris vorerst ad acta legen? Beide Versionen müßten einander nicht widersprechen.
MARTIN THOEMMES
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