Tobias Wimbauer:

Halb im Aufbau, halb im Verfall
Ein unbekannter Brief Ernst Jüngers an Alfred Kubin


Erschien (mit gekürztem Anmerkungsapparat)
In: Les Carnets Ernst Jünger. N° 5–2000 (Le discours sur le héros en Europe au début du XXe siècle.)
Montpellier/GAP: Centre de Recherche et de Documentation Ernst Jünger, Mai 2001, S. 207–210. ISBN 2-98510523-4-0, ISSN 1272-6133

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Der Graphiker und Schriftsteller Alfred Kubin (1877-1959) gehörte zu den wenigen zeitgenössischen Künstlern, die Ernst Jünger zeitlebens hoch schätzte. Ein expressionistisches Gedicht Jüngers von 1921[ 1 ] zu dem Kubin-Bild "Der Mensch"[ 2 ] hat sich erhalten, andere Gedichte Jüngers aus dieser Zeit fielen einem Autodafé zum Opfer.[ 3 ] Alfred Kubin illustrierte Jüngers Tagebuch in Briefform der Norwegenreise von 1935, "Myrdun"[ 4 ]. Kubins düsterem Roman "Die andere Seite"[ 5 ] (entstanden im Herbst 1908, veröffentlicht 1909) widmete Jünger 1929 eine Rezension in Niekischs nationalrevolutionärem "Widerstand"[ 6 ] und 1931 den Aufsatz "Alfred Kubins Werk"[ 7 ], der später unter dem Titel "Die Staub-Dämonen" Eingang in die Essay-Sammlung "Blätter und Steine"[ 8 ] fand. Auch bedachte Jünger 1936 Carl Schmitt mit einem Exemplar der "Anderen Seite"[ 9 ]. Ausgehend von Jüngers Aufsatz entspann sich ein Briefwechsel zwischen Jünger und Kubin, der bis 1952 währte und 1971 als Privatdruck sowie 1975 für den Buchhandel als selbständige Publikation veröffentlicht wurde.[ 10 ] Nicht nur in den Tagebüchern Jüngers begegnen uns Patera, der Herrscher der Traumstadt Perle in der "Anderen Seite", und sein Schöpfer Kubin häufig.[ 11 ]

In den Editionen des Briefwechsels 1971 und 1975 fehlt der hier abgedruckte Brief Ernst Jüngers an Alfred Kubin vom 24. 11. 1937.

Kubin schenkte diesen Brief, zusammen mit anderen Autographen, 1950 dem flämischen Soziologen Piet Tommissen, in dessen Besitz er sich noch befindet.[ 12 ]





Brief Ernst Jünger an Alfred Kubin[ 13 ]

Ernst Jünger
Überlingen / Bodensee
Weinbergstraße 11

24. 11. 1937.


    Lieber Herr Kubin !


Anbei sende ich Ihnen die sehr schöne Geschichte vom Indischen König[ 14 ] zurück. Ich las sie mit Nutzen und will sehen, ob ich nicht noch ein Exemplar davon erhalten kann.

Gerade schrieb ich Herrn Otte[ 15 ], wie gut es mir bei Ihnen gefallen hat.[ 16 ] Zur Erinnerung an diesen Besuch ließ ich mir die "Garküche"[ 17 ] rahmen, übrigens ein prächtiges Stück, das man nicht mit einmaligem Anschauen ausstudiert. Ihr gegenüber hänge ich dann das schöne Bild vom babylonischen Turm, einen Brueghel,[ 18 ] den Sie kennen werden - halb ist darauf die Welt im Aufbau begriffen, halb im Verfall. Beides zusammen ergibt doch erst unsere Welt, die ja nicht so einfach ist, wie manche Leute sie gern haben möchten.

    Mit herzlichem Gruß

    Ihr

    Ernst Jünger



Nb. Werfen Sie den Umschlag dieses Briefes nicht weg, ehe Sie ihm das Bild entnommen haben, das Schlichter in diesem Sommer von mir machte.[ 19 ]






Anmerkungen

[ 1 ] Ernst Jünger, Zu Kubin's Bild: Der Mensch. In: Ernst Jünger / Alfred Kubin, Briefe. Biberach a.d.Riss 1971, S. 1. Unter dem Titel Zu Kubins Bild: Der Mensch in: Ernst Jünger / Alfred Kubin, Eine Begegnung. Frankfurt a.M., Berlin, Wien 1975, S. 13.
[ 2 ] Alfred Kubin, Der Mensch. Lavierte und gespritze Federzeichnung, 1902. Veröffentlicht 1910 im Hyperion-Almanach. (Angaben nach: Hans Bisanz: Alfred Kubin. Zeichner, Schriftsteller und Philosoph. München 1980, S. 23. Dort auch Abbildung der Zeichnung). Abbildung in: Jünger / Kubin, Briefe, a.a.O. (Anm. 1), S. 1.
[ 3 ] Vgl. Ernst Jünger. Leben und Werk in Bildern und Texten. Hrsg. v. Heimo Schwilk. Stuttgart 1988, S. 90. So auch Ernst Jünger in einem Brief an Kurt Otte, [Wilflingen], 9. November 1956: "Das Gedicht betrachte ich mehr als eine expressionistische Jugendsünde. Alle Gedichte aus jenen Tagen habe ich sorgfältig vernichtet". Alfred Kubin. Leben, Werk, Wirkung. Zusammengestellt v. Paul Raabe. Hamburg 1957, vor S. 33. Zitiert nach: Horst Mühleisen, Bibliographie der Werke Ernst Jüngers. Stuttgart 1996, S. 172 f.
[ 4 ] Ernst Jünger, Myrdun. Briefe aus Norwegen. Oslo 1943. Mit den Zeichnungen Kubins versehen wurde die erste reguläre Buchhandelsausgabe (Zürich 1948). Ebenfalls von Kubin illustriert sind die Ausgaben Stuttgart 1975 und München 1980.
[ 5 ] Alfred Kubin, Die andere Seite. Phantastischer Roman. München 1909.
[ 6 ] Ernst Jünger, Die andere Seite [Rezension]. In: Widerstand. Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik. Dresden. 4. Jg., Heft 2, März 1929, S. 26-81.
[ 7 ] Ernst Jünger, Alfred Kubins Werk. In: Hamburger Nachrichten. Hamburg. 140. Jg., Nr. 606 vom 30. 12. 1931, S. 1-2 (Angaben nach Mühleisen, a.a.O. (Anm. 3), S. 119). Wiederabdruck in: Widerstand. Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik. Berlin. 8. Jg., Heft 1, Januar 1933, S. 24-27.
[ 8 ] Ernst Jünger, Die Staub-Dämonen. Eine Studie zum Untergange der bürgerlichen Welt. In: ders., Blätter und Steine. Hamburg 1934, S. 99-106. Ab der 2. Auflage (Hamburg 1941) abweichende Paginierung: S. 102-109. Wiederabdruck unter dem Titel Die Staubdämonen, ohne Untertitel, in: Jünger / Kubin, Eine Begegnung, a.a.O. (Anm. 1), S. 111-117.
[ 9 ] Die Widmung in einem Exemplar des 11.-15. Tsd. (München 1928) Ernst Jünger an Carl Schmitt ist datiert 7.3.1936. Dieses Widmungsexemplar wurde 1995 von dem Stuttgarter Antiquar Blank in seinem Jünger-Katalog angeboten. Zu Schmitts Reaktion vgl. Schmitts Brief an Jünger vom 3. Mai 1936 (Ernst Jünger - Carl Schmitt. Briefe 1930-1983. Hrsg., kommentiert u. m. einem Nachwort v. Helmuth Kiesel. Stuttgart 1999, S. 57).
[ 10 ] Vgl. Anmerkung 1.
[ 11 ] Zu den Kubin betreffenden Stellen in Jüngers Tagebüchern vgl. Tobias Wimbauer, Personenregister der Tagebücher Ernst Jüngers. Freiburg 1999, S. 161.
[ 12 ] Prof. Tommissen widmete Kubin übrigens die bislang einzige selbständige Schrift in französischer Sprache: Pour mieux comprende Alfred Kubin (1877-1959). Brüssel 1972.
[ 13 ] Briefbogen mit gedrucktem Briefkopf Ernst Jüngers. Maschinenschriftlich, eigenhändige Unterschrift Jüngers. Ich danke herzlich Frau Liselotte Jünger für die Erlaubnis, diesen Brief zum ersten Male publizieren zu dürfen, und Piet Tommissen, daß er mir eine Ablichtung dieses Briefes zur Verfügung stellte.
[ 14 ] "König mit dem Leichnam" vgl. Brief Alfred Kubin an Ernst Jünger, Zwickledt, 2[.] Dez[ember] 1937. In: Jünger / Kubin, Briefe, a.a.O. (Anm. 1), S. 31; und in: Jünger / Kubin, Eine Begegnung, a.a.O. (Anm. 1), S. 49. - Die Abdrucke geben voneinander abweichende Texte wieder, insbesondere jene Stelle, die sich auf den "König mit dem Leichnam" bezieht. Jünger / Kubin, Briefe, a.a.O. (Anm. 1), S. 31: "Daß ich eine Woche nach Empfang Ihres letzten Briefes schon schreibe, kommt davon; [sic!] weil ich Ihnen hier gleichfalls einen der überwältigendsten indischen Texte […] noch empfehlen möchte…". Jünger / Kubin, Eine Begegnung, a.a.O. (Anm. 1), S. 49f.: "Daß ich eine Woche nach Empfang Ihres letzten Schreibens und des 'Königs mit dem Leichnam' schon schreibe, kommt davon: weil ich ihnen hier gleichfalls einen der überwältigendsten indischen Texte […] noch empfehlen möchte…". In der maschinenschriftlichen Abschrift der Briefe, die der Ausgabe 1971 zugrunde gelegt wurde, ist die Transkription der Handschrift Kubins noch unsicher, so heißt es darin: "…'Königs mit I.S.' (?)…" (Ablichtungen der Briefe Jünger an Kubin und des Typoskriptes, mit eigenhändigengen Anmerkungen von Heinz Saueressig, der die Reihe Wege und Gestalten herausgab, in der Sammlung T. Wimbauer).
[ 15 ] Kurt Otte (1902-1983), Apotheker in Hamburg, leitete das Kubin-Archiv, das sich heute im Lenbachhaus in München befindet.
[ 16 ] Jünger hatte Kubin in Zwickledt am 15. November 1937 besucht.
[ 17 ] Alfred Kubin, Garküche am Strand. 1937. Aquarellierte Federzeichnung, von Kubin signiert, datiert (15. XI. 1937) und gewidmet ("Für Ernst Jünger zur Erinnerung!"). Die Zeichnung ist abgebildet in: Jünger / Kubin, Eine Begegnung, a.a.O. (Anm. 1), vor S. 33.
[ 18 ] Pieter Brueghel d.Ä. gen. "Bauern-Brueghel" (um 1520/25-1569), niederl. Maler. Das Bild Der babylonische Turm entstand 1563. Jünger erwähnt es in seinen Tagebüchern 1940 (8. April 1940: "Auf dem Breughelschen Bilde vom Babylonischen Turme sehen wir beides: den fürchterlichen Koloß im Vordergrunde und dahinter, in grünen Nebeln, eine gotische Stadt. So schneiden, wie auf manchem seiner Werke, Magie und Mysthik ineinander ein. Er sieht zwei Welten, gleich Herodot." Ernst Jünger, Gärten und Straßen. Berlin 1942, S. 111; und am Rande unter dem 2. Juni 1954 in: Ernst Jünger, Am Sarazenenturm. Frankfurt a.M. 1955, S. 152).
[ 19 ] Rudolf Schlichter (1890-1955) hatte im Juli 1937 anläßlich eines Besuches bei Jünger ein zweites Portrait Jüngers angefertigt (vgl. Ernst Jünger - Rudolf Schlichter. Briefe 1935-1955. Hrsg., kommentiert u. m. einem Nachwort v. Dirk Heißerer. Stuttgart 1997, S. 404), das erste Portrait entstand 1930, es ist abgebildet u.a. in: Jünger / Schlichter, Briefe, a.a.O., S. 547, Tafel 1; Schwilk, a.a.O. (Anm. 3), S. 127; und: Rudolf Schlichter. Gemälde. Aquarelle. Zeichnungen. [Ausstellungskatalog] Hrsg. v. Götz Adriani. München 1997, S. 215, Tafel 122; sowie in: François Lagarde, Ernst Jünger. Photo Album. Präsentierung u. Übersetzung d. Bildunterschriften v. Henri Hillebrand. Montpellier 1983, S. 71. Eine Abbildung des Portraits von 1937 findet sich in: Jünger / Schlichter, Briefe, a.a.O., S. 574, Tafel 25; in: Rudolf Schlichter. Gemälde. Aquarelle. Zeichnungen, a.a.O., S. 267; und in: Lagarde, Ernst Jünger. Photo Album, a.a.O., S. 78; Lagarde nennt falsche Datierung: 1934 recte 1937. Das Photo sandte Schlichter als Beilage zu seinem Brief an Jünger vom 11. September 1937 (vgl. Jünger / Schlichter, Briefe, a.a.O., S. 109; ein Werkphoto ist auch abgebildet in: Rudolf Schlichter. Gemälde. Aquarelle. Zeichnungen, a.a.O., S. 268). Kubin bedankt sich in seinem Schreiben vom 2. Dezember 1937 für das Photo: "- das Schlichtersche Porträt, gefällt mir schon im Photo, vorzüglich", Jünger / Kubin, Briefe, a.a.O. (Anm. 1), S. 31; - Jünger / Kubin, Eine Begegnung, a.a.O. (Anm. 1), S. 49.