Frankfurter Allgemeine Zeitung
Frankfurt/Main Nr. 118 vom 22. Mai 2004, S. 8:

Tobias Wimbauer: Ernst Jünger und Dorian Gray
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Zu Martin Thoemmes' Rezension ("Liebe statt Bomben", F.A.Z. vom 10. April) meiner Studie zur sogenannten "Burgunderszene" von Ernst Jünger haben sich einige Leser zu Wort gemeldet. Besonders dankbar bin ich für den Brief der Leserin Jutta Türcke (F.A.Z. vom 27. April), da sie mit ihren Tagebuchnotizen aus Paris meine These bestätigt, daß es am 27. Mai 1944 "bei Sonnenuntergang", wie Jünger schreibt, keine Angriffe auf Paris gab. Sie liefert mit ihrem Brief jenes letzte Steinchen im Mosaik, das mir noch fehlte.

Leser Dr. Florian Walch (F.A.Z. vom 19. April) behauptet, meine Studie "schafft es . . . nicht, den Autor . . . in ein rechtes Licht zu rücken", und man müsse auf eine angemessene Rezeption "noch lange warten". Dies ist eine erstaunliche Aussage, zumal Dr. Walch meine Untersuchung noch gar nicht kennen kann. Der sie enthaltende Band ("Anarch im Widerspruch. Neue Beiträge zu Werk und Leben der Gebrüder Jünger") wird in diesen Tagen erst ausgeliefert. Die von Dr. Walch angemahnte Berücksichtigung der Jüngerschen Notate vom Vortrag [sic! recte: Vortag] und des Schlußsatzes der Burgunderszene rennt offene Türen ein, gehe ich doch in meiner Studie ausführlich auf beides ein. Schließlich verweist der Leser Thorsten Kraechau [sic! recte: Krachan] (F.A.Z. vom 6. Mai) völlig zu Recht auf eines der literarischen Vorbilder der Szene: Prousts entsprechende Passage in "Die wiedergefundene Zeit". Die von Martin Thoemmes geschilderten Ergebnisse meiner Studie (keine Bombardierungen, die Affäre Sophie Raveux [sic! recte: Ravoux]) sind nur Teilaspekte meiner Untersuchung. Neben diesen historisch-biographischen Details geht es mir vor allem darum, die Burgunderszene in eine, wie sich zeigt ehrwürdige, literarische Tradition einzureihen, die das gängige Vorurteil von "Jüngers singulärem ästhetizistischen Barbarismus" widerlegt. Meine These ist: Für seine Schilderung greift Jünger auf verschiedene literarische Vorbilder und Prätexte zurück, so vor allem auf Proust - der beinahe exakt dieselbe Szenerie beschreibt -, sodann auf Oscar Wilde - hier ist es vor allem der Gestus, aber auch das Glas Burgunder, durch das Dorian Gray in jenem Moment blickt, als er mit unangenehmer Wahrheit herausrücken will -, auf die in diesen Tagen gelesene Apokalypse (die Burgunderszene kann auch als Weihehandlung verstanden werden) sowie auf eigenes, früheres Erleben, das er kopiert. Übrigens schildert auch E. T. A. Hoffmann in seinem Tagebuch (26. August 1813) Kämpfe napoleonischer Truppen, die er vom Hotelfenster aus beobachtet, indes er ein Glas Wein in Händen hält. Parallelen in den Tagebüchern Gretha Jüngers weisen auf die Liebesdeutung hin. Die von Jünger in der Burgunderszene und ihrem Kontext verwendeten Metaphern und Symbole sind traditionsreiche Elemente des Sprach- und Bilderreservoirs der Liebe, was ich anhand literarischer Beispiele und ausgehend von Roland Barthes' "Fragmenten einer Sprache der Liebe" darstelle.

Tobias Wimbauer, Herausgeber von "Das Luminar", Hagen/Westfalen

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.05.2004, Nr. 118 / Seite 8

Anmerkung: sie mit "sic!" bezeichneten Fehler waren in meiner Zuschrift nicht enthalten